Left panel

Clicking outside this panel wont close it because clickClose = false

Wenn Professionalität zur finanziellen Gratwanderung wird

( Wörter)

Zwischen Mindestlohn, steigenden Kosten und begrenzten Einnahmen: Die Handball-Luchse erleben jeden Tag, wie schwierig es geworden ist, professionellen Frauen-Mannschaftssport wirtschaftlich darzustellen. Geschäftsführer Sven Dubau fordert deshalb keine Schuldzuweisungen, sondern eine grundsätzliche Diskussion über die Finanzierung und die Rahmenbedingungen des Profisports im Frauenbereich.

Auf dem Spielfeld geht es um Punkte, Tore und Tabellenplätze. Abseits des Spielfeldes geht es für die Verantwortlichen vieler professioneller Mannschaften inzwischen um eine ganz andere Frage: Wie lässt sich professioneller Frauen-Mannschaftssport unter den heutigen wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen überhaupt noch finanzieren?

Auch bei den Handball-Luchsen aus Buchholz ist diese Frage längst Teil des täglichen Geschäfts.

Die Handball-Luchse Marketing GmbH & Co. KG ist als wirtschaftlicher Träger für den Profispielbetrieb der Mannschaft verantwortlich. Spielerinnen stehen unter Vertrag, Löhne und Sozialabgaben werden gezahlt, berufsgenossenschaftliche Beiträge an die VBG abgeführt und zahlreiche weitere Arbeitgeberpflichten erfüllt.

Die Anforderungen an einen professionellen Spielbetrieb sind hoch. Spielerinnen müssen bezahlt werden, Trainer und Betreuer finanziert, Fahrten und Unterkünfte organisiert sowie medizinische Versorgung, Hallenkosten, Spielbetrieb und zahlreiche weitere Positionen getragen werden.

Gleichzeitig steigen die Personalkosten. Der gesetzliche Mindestlohn liegt seit Januar 2026 bei 13,90 Euro pro Stunde und steigt zum 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro.

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht anfangen, mit dem Finger auf andere zu zeigen“, sagt Luchse-Geschäftsführer Sven Dubau. „Jeder Verantwortliche versucht, unter den jeweiligen Bedingungen eine legale und wirtschaftlich tragfähige Lösung zu finden. Und diese Bedingungen sind im Frauen-Mannschaftssport für viele sehr schwierig.“

Wann ist eine Spielerin eigentlich Profi?

Für Dubau ist deshalb eine grundsätzliche Frage entscheidend: Wann sprechen wir eigentlich von Profisport?

„Nach meiner Einschätzung kann man das aus der Praxis heraus relativ einfach betrachten: Wenn eine Spielerin gegen Entgelt beschäftigt wird, wir als Arbeitgeber entsprechende Verpflichtungen haben und beispielsweise Beiträge zur VBG zahlen müssen, dann befinden wir uns nicht mehr im klassischen Amateurbereich. Dann haben wir es mit professionellem Sport zu tun – und damit auch mit allen Rechten und Pflichten.“

Rechtlich lässt sich der Status allerdings nicht allein an einem einzelnen Merkmal festmachen. Die VBG betrachtet unter anderem die tatsächlichen Beschäftigungs- und Vergütungsverhältnisse. Für entgeltlich tätige Sportlerinnen und Sportler gelten entsprechende sozialversicherungs- und unfallversicherungsrechtliche Vorgaben.

Für hauptberuflich ausgeübten Mannschaftssport spricht die VBG ausdrücklich von Profisportlerinnen und Profisportlern.

„Und genau da beginnt für mich die Diskussion“, sagt Dubau. „Wenn wir auf der einen Seite sämtliche Verpflichtungen eines Arbeitgebers erfüllen müssen, dann müssen wir auf der anderen Seite auch darüber sprechen, ob die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen diesen professionellen Sport überhaupt ermöglichen.“

Zwischen Profisport und wirtschaftlicher Realität

Die Handball-Luchse müssen ihren Profispielbetrieb wirtschaftlich selbst tragen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Unterstützung der regionalen Wirtschaft.

„Wir sind extrem abhängig von unseren Werbepartnern“, sagt Dubau. „Und deshalb können wir gar nicht oft genug Danke sagen. Ohne unsere Werbepartner und Unterstützer wäre professioneller Frauenhandball in Buchholz nicht möglich.“

Doch Sponsoring allein kann die stetig wachsenden Kosten langfristig nur schwer auffangen.

„Wir verkaufen Werbung, wir organisieren Veranstaltungen, wir versuchen neue Partner zu gewinnen und entwickeln ständig neue Vermarktungsideen. Aber irgendwann ist eine Grenze erreicht. Ein Unternehmen kann nicht jedes Jahr unbegrenzt mehr Geld in den Sport investieren.“

Hinzu kommen Einnahmen aus Eintrittsgeldern, Merchandising und weiteren Aktivitäten. Gerade im Frauen-Mannschaftssport sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten vielerorts jedoch noch weit von denen des etablierten Männer-Profisports entfernt.

Damit entsteht ein Spannungsfeld: Die Anforderungen an einen professionellen Spielbetrieb steigen, während die Einnahmeseite nicht im gleichen Maß wächst.

Öffentliche Förderung – eine schwierige Lücke

Auch bei der öffentlichen Förderung zeigt sich dieses Spannungsfeld.

Der Staat unterstützt den Spitzensport unter anderem über Verbände, Kaderstrukturen, Trainer, Trainingsmaßnahmen und Athletenförderung. Für professionelle Mannschaften im Frauenbereich stellt sich die Situation teilweise anders dar.

„Als wirtschaftlicher Träger einer Profimannschaft öffentliche Gelder zu erhalten, ist unglaublich schwierig“, sagt Dubau. „Und ich verstehe auch, dass der Staat nicht einfach jedem Profiverein oder jeder Spielbetriebsgesellschaft einen Scheck ausstellen kann. Aber genau deshalb brauchen wir ein intelligentes Fördermodell.“

Denn die Handball-Luchse sind im Profibereich kein klassischer Amateurverein, der seinen Spielbetrieb überwiegend ehrenamtlich organisiert. Gleichzeitig können die wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht mit denen großer Männerligen verglichen werden.

„Wir sitzen irgendwo dazwischen“, sagt Dubau. „Wir müssen professionell arbeiten, haben die entsprechenden Kosten und Verpflichtungen – aber die Einnahmeseite ist noch lange nicht auf dem Niveau, das diese Professionalität eigentlich voraussetzen würde.“

Die aktuell mediale Debatte sollte Anlass für eine Grundsatzdiskussion sein

Die aktuell mediale Debatte über Vergütung und Mindestlohn im Frauenhandball hat die Problematik bundesweit sichtbar gemacht. Sie hat eine grundsätzliche Diskussion darüber ausgelöst, wie Spielerinnen im professionellen Frauenhandball beschäftigt und vergütet werden und welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dafür notwendig sind.

Dubau warnt allerdings davor, einzelne Clubs oder Verantwortliche vorschnell zu bewerten.

„Ich möchte ausdrücklich nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Dafür kennen wir die jeweiligen Verträge, Modelle und wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht im Detail. Jeder Verantwortliche versucht, unter den bestehenden Bedingungen eine Lösung zu finden.“

Viel entscheidender sei deshalb die Frage, warum professionelle Mannschaften überhaupt in wirtschaftliche Situationen geraten, in denen unterschiedliche Beschäftigungs- und Vergütungsmodelle diskutiert werden.

„Wenn wir feststellen, dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen für professionellen Frauen-Mannschaftssport nicht ausreichen, dann müssen wir über das System sprechen – und nicht über einzelne Verantwortliche.“

Für Dubau sollte die aktuelle Debatte deshalb vor allem ein Anlass sein, die grundsätzlichen Rahmenbedingungen zu hinterfragen.

„Wir sollten uns fragen, was wir eigentlich wollen. Wenn wir Professionalität fordern, müssen wir auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür schaffen. Und wenn die Einnahmen auf der einen Seite begrenzt sind, die gesetzlichen und organisatorischen Anforderungen auf der anderen Seite aber weiter steigen, dann entsteht irgendwann ein Spannungsfeld, das einzelne Vereine nicht alleine lösen können.“

Die Lösung darf nicht heißen: zurück zum Amateurstatus

Für Dubau wäre es der falsche Weg, die Professionalisierung des Frauen-Mannschaftssports wieder zurückzudrehen.

„Die Antwort kann doch nicht sein: Dann bezahlen wir eben weniger oder gar nichts mehr und erklären die Spielerinnen wieder zu Amateuren. Damit lösen wir kein Problem. Wir würden lediglich die Professionalisierung des Frauen-Mannschaftssports stoppen.“

Denn die Anforderungen an die Spielerinnen seien längst professionell.

Training, Spiele, Reisen, Regeneration, medizinische Betreuung, taktische Vorbereitung und die Erwartungen der Öffentlichkeit ließen sich nicht einfach mit einem Hobby vergleichen.

„Wir wollen Leistungssport. Wir wollen, dass junge Frauen die Möglichkeit bekommen, ihren Sport auf hohem Niveau auszuüben. Wir wollen Nachwuchs entwickeln und Spielerinnen eine Perspektive geben. Dann müssen wir aber auch die Rahmenbedingungen schaffen, die dazu passen.“

Dubaus Vorschlag: ein Fördermodell für den Frauen-Mannschaftssport

Dubau plädiert deshalb für einen neuen Ansatz.

Nicht die öffentlichen Haushalte sollten einzelne Unternehmen oder Mannschaften pauschal finanzieren. Stattdessen könnte es einen bundesweiten Fördermechanismus für den professionellen Frauen-Mannschaftssport geben.

Die Förderung sollte dabei an klare Bedingungen geknüpft sein.

„Ich könnte mir beispielsweise einen Fördertopf vorstellen, aus dem ein Teil der nachweisbaren Personalkosten gefördert wird. Aber nur, wenn klare Kriterien erfüllt werden.“

Dazu könnten gehören:

  • Einhaltung von Mindestlohn und Sozialversicherung
  • ordnungsgemäße und transparente Arbeitsverträge
  • Nachweis der berufsgenossenschaftlichen Verpflichtungen
  • wirtschaftliche Prüfung durch unabhängige Stellen
  • Nachweis eines professionellen Spielbetriebs
  • Investitionen in Nachwuchs- und Talentförderung
  • Unterstützung der dualen Karriere von Spielerinnen
  • ein angemessener Eigenanteil durch Sponsoring und Eigenerlöse

„Damit würde der Staat nicht einfach Profimannschaften finanzieren“, erklärt Dubau. „Er würde eine gesellschaftlich gewollte Entwicklung unterstützen und gleichzeitig kontrollieren, dass das Geld tatsächlich dort ankommt, wo es gebraucht wird.“

Verantwortung liegt bei allen

Dabei nimmt Dubau auch die professionellen Träger selbst in die Pflicht.

„Natürlich dürfen wir nicht immer nur nach dem Staat rufen. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Wir müssen professionell wirtschaften, transparent sein, neue Vermarktungswege entwickeln und unsere Zuschauer und Partner begeistern.“

Aber auch Politik, Verbände und Ligen müssten sich fragen, welche Bedeutung professioneller Leistungssport von Frauen tatsächlich haben soll.

„Wenn Deutschland sagt, wir wollen Gleichberechtigung, wir wollen Frauen fördern und wir wollen international im Sport erfolgreich sein, dann muss das auch für den professionellen Mannschaftssport gelten.“

Für Dubau geht es dabei längst nicht mehr nur um Handball.

„Das betrifft den gesamten Frauen-Mannschaftssport. Handball, Fußball, Basketball, Volleyball und andere Sportarten stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Im Männerbereich existieren über Jahrzehnte gewachsene Strukturen, größere Medienerlöse und teilweise ganz andere Sponsoringvolumina. Im Frauenbereich versuchen wir vielerorts noch, diese Strukturen überhaupt aufzubauen.“

Dabei habe sich in der Gesellschaft längst etwas verändert.

„Frauen leisten im Sport Höchstleistungen. Trotzdem wird Frauenleistungssport häufig noch anders wahrgenommen. Es fehlt an medialer Aufmerksamkeit, an Reichweite und damit letztlich auch an wirtschaftlicher Wertschöpfung. Das ist ein Kreislauf.“

Je mehr Aufmerksamkeit der Sport bekomme, desto interessanter werde er für Sponsoren. Je mehr Sponsoren investierten, desto professioneller könnten die Mannschaften arbeiten. Und je professioneller die Strukturen seien, desto attraktiver werde der Sport für Zuschauerinnen, Zuschauer und Medien.

„Wir müssen diesen Kreislauf endlich durchbrechen.“

Der Staat muss nicht alles bezahlen

Dabei betont Dubau ausdrücklich, dass es ihm nicht darum gehe, den Staat zum Hauptsponsor des Sports zu machen.

„Ich will keine Vollfinanzierung durch öffentliche Gelder. Im Gegenteil. Wir müssen weiterhin unsere Hausaufgaben machen und selbst Geld erwirtschaften.“

Aber der Staat könne dort unterstützen, wo ein gesellschaftliches und sportpolitisches Interesse bestehe.

„Wenn wir wollen, dass Frauen im Leistungssport die gleichen Chancen bekommen, dann müssen wir auch bereit sein, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.“

Dabei müsse man auch zwischen Breitensport und professionellem Sport unterscheiden.

„Der Breitensport lebt zu Recht stark vom Ehrenamt. Der Profisport funktioniert anders. Wenn eine wirtschaftliche Gesellschaft eine professionelle Mannschaft betreibt, Arbeitsverträge abschließt, Löhne zahlt und berufsgenossenschaftliche Beiträge entrichtet, dann kann man nicht gleichzeitig erwarten, dass diese Strukturen wirtschaftlich wie ein klassischer Amateurbereich funktionieren.“

Eine Chance für einen neuen Weg

Für Dubau könnte die aktuelle Diskussion deshalb sogar eine Chance sein.

„Wir sollten die Debatte nicht als Krise des Frauenhandballs sehen, sondern als Chance, endlich ein vernünftiges Modell zu entwickeln.“

Ein Modell, das Professionalität nicht bestraft, sondern unterstützt.

„Wenn wir wollen, dass Spielerinnen Arbeitnehmerinnen sind, dann müssen wir auch akzeptieren, dass professioneller Sport Kosten verursacht. Und wenn wir als Gesellschaft wollen, dass Frauen Leistungssport auf hohem Niveau betreiben können, dann müssen wir uns überlegen, wie wir diese Kosten fair verteilen.“

Die Wirtschaft werde weiterhin gebraucht.

Die Zuschauer würden weiterhin gebraucht.

Die Verbände und Ligen würden weiterhin gebraucht.

Und auch die Politik werde gebraucht.

„Wir können das nicht alleine lösen.“

Denn eines möchte Dubau ausdrücklich vermeiden: einen Rückschritt.

„Wir dürfen nicht irgendwann feststellen, dass wir den Frauen-Mannschaftssport zwar auf dem Papier professionalisieren wollten, ihn wirtschaftlich aber so unter Druck gesetzt haben, dass Gesellschaften und Träger aufgeben müssen oder wieder zurück in den Amateurbereich gehen.“

Sein Appell richtet sich deshalb an Bund, Länder, Kommunen, Verbände und Wirtschaft:

„Lasst uns gemeinsam ein Modell entwickeln. Transparent, kontrollierbar und leistungsorientiert. Kein Geld ohne Gegenleistung, aber auch keine Forderungen nach Professionalität ohne die notwendigen Rahmenbedingungen.“

Der Ball liegt damit nicht nur auf dem Spielfeld. Er liegt auch bei denjenigen, die die Rahmenbedingungen für den Sport gestalten.

Denn Professionalität bedeutet nicht nur Leistung. Professionalität bedeutet Verantwortung – für die Spielerinnen, für die Arbeitgeber und letztlich auch für die Gesellschaft.

 

Right panel

Clicking outside this panel wont close it because clickClose = false