Rückblick und Fazit der Bundesliga-Saison 2020/21

Die HL Buchholz 08-Rosengarten bezeichneten den vierten  Anlauf in der höchsten Spielklasse im Frauenhandball als ein Abenteuer, denn noch nie hatte man die Klasse halten können. Mit einer starken Mannschaft aus erfahrenen und jungen Spielerinnen war das gesteckte Ziel Klassenerhalt immer im Blickpunkt. 

Die Saison 2020/21 unter den erschwerten Corona-Bedingungen mit unzähligen Tests, Hygienevorschriften, meistens ohne Zuschauer und einem unglaublich eng getakteten Spielplan, entwickelte sich nicht nur für die Verantwortlichen und die Mannschaft, sondern auch für alle Fans zu einer Berg-und Talfahrt, die gekennzeichnet war von Hoffnung, Rückschlägen und kaum für möglich gehaltenen Erfolgen. 

Bereits im zweiten Spiel im hessischen Bensheim/Auerbach zeigten die Luchse ihre Konkurrenzfähigkeit als sie sich dem Gegner unglücklich mit  27:25 geschlagen geben mussten. Eine Woche später folgte der 24:20 Heimsieg über die Bad Wildungen Vipers und das Team von Dubravco Prelcec glaubte, in der 1. Bundesliga angekommen zu sein. Aber in den folgenden sechs Spielen konnten die Luchse nicht immer ihr Potential abrufen und verloren sämtliche Begegnungen, unter anderem so wichtige Partien im Luchsbau gegen den VfL Oldenburg und den Mitaufsteiger SV Union Halle-Neustadt, wo man sich gute Chancen ausgerechnet hatte, aber aufgrund der eigenen Wurfschwäche scheiterte, da die Mannschaft ihre Nerven nicht in den Griff bekam.

Am 10. Spieltag sah die Welt in der NordHeideHalle wieder sonniger aus, denn die HL Buchholz 08-Rosengarten bezwangen Frisch Auf! Göppingen mit 30:26 als der schwedische Neuzugang Fatos Kücükyildiz ihre Klasse unter Beweis stellen konnte und auch Jessica Inacio nach zweijähriger Spielpause ihr großes Potential offenbarte. Vorausgegangen war ein deutlicher 30:22 Erfolg im DHB-Pokal über den VfL Oldenburg und damit war dieser Sieg eine Revanche für die Niederlage im Bundesligaspiel. Sven Dubau, der Geschäftsführer der HL Buchholz 08-Rosengarten, hatte aber in erster Linie den Klassenerhalt im Fokus und bezeichnete den Erfolg im Pokal als „unwichtigsten Sieg des Jahres“. 

„unwichtigsten Sieg des Jahres“

Es folgten die erhofften Auswärtssiege gegen Ketsch und Mainz, so dass sich die Luchse vorübergehend auf einem Nichtabstiegsplatz befanden, aber Kreisspielerin Evelyn Schulz (gegen Ketsch) und Jessica Inacio (gegen Mainz) erlitten Fußverletzungen, zu allem Übel zog sich Svea Geist (gegen Mainz) einen Kreuzbandriss zu, dass für sie das Aus für die restliche Saison bedeutete. Die Verantwortlichen der Luchse reagieren sofort und verpflichten aus der dritten Liga des Buxtehuder SV die junge Finja Harms und reaktivierten aus der eigenen zweiten Mannschaft Nicole Steinfurth, um den Kreis besetzen zu können, dennoch folgten sieben, zum Teil schmerzhafte, Niederlagen in Folge. Besonders die deutlichen Misserfolge gegen den BSV 15:30 im Heim-Derby und die höchste Niederlage der Saison gegen Borussia Dortmund mit 15:39 ließen an der weiteren Konkurrenzfähigkeit der Luchse zweifeln, zumal auch noch gegen den Thüringer HC und Oldenburg mögliche Punktgewinne verschenkt wurden. 

Einen weiterer Rückschlag hatten die Luchse zu verkraften, denn in Blomberg wurde das 28:28 mit dem Kreuzbandriss von Torhüterin Mareike Vogel bezahlt, die bis dahin eine überragende Saison gespielt hatte. Die junge Zoe Ludwig stand nun als Nummer 1 im Tor der Luchse und wurde von der erfahrenen Ariella Witthöft aus der zweiten Damenmannschaft unterstützt. Mit Sophie Löbig war somit wieder ein Trio bei den Luchsen auf der Torhüter-Position im Einsatz. Zoe Ludwig belohnte das Vertrauen der Verantwortlichen mit teilweise großartigen Leistungen. 

Der zweite „unwichtigste” Sieg der Saison folgte am 21.01.2021 erneut im DHB-Pokal gegen die Elfen aus Leverkusen. Evi Schulz kehrte ins Team zurück und zeigte als Führungsspielerin eine phantastische Leistung. Zusammen mit Kim Berndt und Fatos Kücükyildiz beflügelten sie ihre Mitspielerinnen zu einem völlig unerwarteten 24:23 Auswärtssieg und zogen mit diesem Erfolg zum ersten Mal als 23. Verein in der Geschichte des DHB-Pokals in das OLYMP Final4 ein. Zweifellos der bis dahin größte Erfolg in der Vereinsgeschichte der HL Buchholz 08-Rosengarten. 

Aber im Kampf um den Klassenerhalt taten sich die Luchse nach wie vor schwer. Nach dem 28:28 in Blomberg folgte eine schmerzliche Niederlage gegen Neckarsulm. Es wurde beschlossen, Christine Lindemann als zusätzliche Torhüterin zu reaktivieren, aber leider hat sich im Abschlusstraining ihr Knie schmerzlich bemerkbar gemacht, so dass vorerst ihr Einsatz nicht möglich war. Aber am Ende hat das Torwart-Trio Ludwig, Löbig und Withöft perfekt harmoniert und daher wurde auf den Einsatz von Tine Lindemann verzichtet.

Auch die Spiele gegen Halle-Neustadt und Metzingen wurden verloren. Die letzte Chance, den Relegationsplatz noch erreichen zu können; nutzten die Luchse beim Auswärtsspiel gegen den Mitkonkurrenten Fisch Auf! Göppingen beim 26:26. Hier zeigte das Team von Dubravko Prelcec ihre Willensstärke, denn zwei  Minuten vor Beendigung der Partie lagen die Luchse noch mit zwei Toren zurück und schafften es trotz Unterzahl, noch den Ausgleich zu realisieren.

Hier zeigte das Team von Dubravko Prelcec ihre Willensstärke

 Am 15.05.2021 begann dann ein Höhepunkt in der Karriere aller Spielerinnen der HL Buchholz 08-Rosengarten beim OLYMP Final4 in der Stuttgarter Porsche-Arena, leider ohne Zuschauer. Qualifiziert hatten sich die Spitzenmannschaften SG BBM Bietigheim, HSG Blomberg-Lippe, TuS Metzingen und der Außenseiter aus der Nordheide. Das Turnier wurde von Sport1 im Free-TV übertragen und wurde eine Werbung für den Frauenhandball. Bereits um 12.00 Uhr mussten die Luchse als krasser Außenseiter gegen die Hessinnen antreten, aber das Team aus Buchholz-Rosengarten war blendend auf den Gegner eingestellt und schaffte  die Sensation, als sie aufgrund einer großartigen Abwehrleistung mit 22:19 siegte und in das Finale gegen die SG BBM Bietigheim einzog. Im Endspiel am 16.05-2021 gegen den scheinbar übermächtigen Gegner sah es nach 10 Minuten düster für den Außenseiter aus, denn die Ladies führten 6:1, aber die Prognose von Bundestrainer Groener „die kommen zurück“ bewahrheitete sich, denn eine Auszeit von Dubravko Prelcec wirkte Wunder. Plötzlich stand eine ganz andere Mannschaft auf der Platte, die sich langsam, aber sicher herankämpfte und mit geduldigen, schlauen Spielzügen die BBM vor ungeahnte Probleme stellte. Schon zur Halbzeit führten die Luchse und hielten bis zur 50. Minute eine Drei-Tore-Führung. Die absolute Sensation blieb aber aus, denn durch den Wadenbeinbruch von Louise Cronstedt fehlte es am Ende im Rückraum an Durchschlagskraft, so dass sich der Favorit am Ende mit 27:22 durchsetzen konnte. Die Luchse hatten aber mit ihren couragierten Vorstellungen nicht nur den Respekt erworben, sondern wurden als Meister der Herzen bezeichnet, der auch durch das sympathische Auftreten für Furore gesorgt hatte. Fatos und Evi gaben gekonnte Interviews bei Sport1. Als Vizemeister im DHB-Pokal kehrte die glückliche Mannschaft in die Nordheide zurück und wurde gebührend gefeiert.

Aber im Abstiegskampf wurde der Zeitplan immer enger, so dass die Luchse innerhalb von acht Tagen vier Spiele zu absolvieren hatten. Trotz der unglaublichen Belastung erfüllten die Luchse ihre Hausaufgaben, bezwangen Ketsch und Mainz. Einen ganz wichtigen Heimsieg landeten sie gegen den TSV Bayer 04 Leverkusen, so dass im letzten Spiel der Saison die Luchse in Buxtehude punkten mussten, denn das Torverhältnis sprach eindeutig für Frisch Auf! Göppingen, die gegen Bietigheim antreten mussten. Alle Fehler, die die Luchse im Hinspiel gegen den BSV gemacht hatten, konnten sie abstellen und präsentierten sich in der Hölle Nord in Final4-Form. Die kompakte Abwehr machte es den Buxtehuder Spielerinnen sehr schwer zu Toren zu kommen und Konter wurden kaum zugelassen. Am Ende siegten die Luchse verdient mit 25:20 und da Göppingen klar gegen Bietigheim unterlegen war, belegten die Norddeutschen den Relegationsplatz. Hier trafen sie auf den ambitionierten Tabellenzweiten der 2. Bundesliga die Füchse Berlin, die mit nur neun Minuspunkten eine überragende Saison gespielt hatten. In der ersten Partie in der NordHeideHalle zeigten die Luchse eine schwache Leistung und verloren das Spiel  mit 20:22, da fast keine Spielerin ihre Normalform zeigte. Für das Rückspiel in der Halle Charlottenburg waren sich die Berlinerinnen sehr sicher, die Norddeutschen erneut besiegen zu können. Aber so einfach gaben sich die Luchse nicht geschlagen, obwohl fast keine Spielerin ohne Blessuren in das zweite  Relegationsspiel ging, zeigte sich schon sehr früh, dass die Luchse bis in die Zehenspitzen motiviert den Klassenerhalt angehen wollten. Besonders in den ersten Spielminuten war die Nervosität und Hektik der Berlinerinnen zu erleben, die mental nur schwer mit der Bürde als favorisiertes Team zurechtkam. 1:6 führten die Luchse und spielten geduldig ihre Angriffe erfolgreich aus. Doch die Hauptstädterinnen fingen sich und schafften bis zur Pause nicht nur den 12:12 Ausgleich, sondern lagen bis zur 34. Minute sogar mit 16:12 in Front. Bei Addition beider Spiele lagen nun die Spreefüxxe mit sechs Treffern vorne und glaubten bereits den Sieg in der Tasche zu haben. Doch das Team von Dudo Prelcec offenbarte in der Folgezeit Willenskraft und Siegeswillen. Bis zur 49. Minute hatten die Luchse das Spiel auf 20:24 gedreht. Auch die rote Karte für Kim Berndt brachte die Mannschaft nicht aus dem Gleichgewicht, denn Zoe Ludwig parierte einen Strafwurf von Bo Dekker und Jessica Inacio bediente zweimal mit tollem Anspiel Evi Schulz, die nervenstark abschloss. Selbst das 11. Tor von Nina Müller, wenige Sekunden vor dem Schlusspfiff, konnte den 25:27 Sieg der Norddeutschen nicht mehr gefährden, denn die Luchse hatten bei gleicher Tordifferenz mehr Auswärtstreffer erzielt, was zum Klassenerhalt reichte.

Man kann durchaus davon ausgehen, dass die Luchse bei weniger Verletzungspech früher die Klasse gesichert hätten, denn teilweise saß wie in Metzingen nur eine Feldspielerin auf der Bank. Nur selten spielte die Mannschaft in Bestbesetzung, oft setzten sie die Vorgaben des Trainer-Teams viel zu spät um. Dennoch war es wie der Geschäftsführer Sven Dubau ausdrückte „eine goldene Saison“, denn nicht nur der Verbleib in der höchsten Spielklasse wurde erreicht, sondern durch die Vizemeisterschaft im DHB-Pokal und das sympathische, couragierte Auftreten der Mannschaft in Stuttgart machte den Verein auch deutschlandweit bekannt. Sehr erfreulich ist ebenfalls, dass die Verantwortlichen zu keinem Zeitpunkt die Nerven verloren haben, selbst nicht als alles gegen einen Erfolg sprach. Immer, wenn die Mädels die Vorgaben des Cheftrainers Dubravko Prelcec befolgten, zeigten sie auch eine ordentliche Leistung. Warum der Mannschaft das nicht immer gelang, war ihr in den anschließenden Videoanalysen selbst ein Rätsel. Einen wesentlichen Anteil an der erfolgreichen Saison hatte sicherlich auch die Mentaltrainerin Maike Koberg, der es trotz aller Widrigkeiten gelang, die Köpfe vieler verunsicherter Spielerinnen freizubekommen, so dass sie letztlich wieder ihr volles Leistungspotential abrufen konnten. Kaum eine Mannschaft hatte so viele Langzeitverletzte wie HL Buchholz 08-Rosengarten. Marthe Nicolai (Kreuzbandriss) konnte die gesamte Saison nicht eingesetzt werden, die Führungsspielerin Jessica Inacio erlitt in Mainz eine komplizierte Fußverletzung und stand der Mannschaft dann nur in drei Spielen zur Verfügung. Für Svea Geist war die Saison durch ihren Kreuzbandriss bereits am 13. Spieltag beendet. Führungsspielerin und Mannschaftsführerin Mareike Vogel im Tor musste die niederschmetternde Diagnose Kreuzbandriss im Spiel gegen Blomberg-Lippe verkraften. Ihr Backup Zoe Ludwig war mehr als ein Ersatz und spielte den Rest der Saison trotz eines angerissenen Meniskus zu Ende. Alle eingesetzten Spielerinnen haben ihren Teil zur erfolgreichsten Saison der Vereinsgeschichte beigetragen und deshalb stellt sich die Frage nach der besten Spielerin der abgeschlossenen Saison nicht, denn diese Ehre gebührt dem gesamten Team der HL Buchholz 08-Rosengarten. Handball ist eine Mannschaftssportart und man kann darüber diskutieren, ob so eine Wahl überhaupt sinnvoll ist, aber die Fans sollten in Zukunft darüber abstimmen können. Das Hamburger Abendblatt schrieb über das OLYMP Final4 in Stuttgart: „ Die enorme Wertschätzung drückte sich auch in einer persönlichen Ehrung aus, die angesichts unzähliger Nationalspielerinnen in Reihen der drei anderen Clubs fast surreal anmutet. Nicht jedoch nach den Leistungen im Halbfinale gegen Blomberg (22:19) und Finale gegen Bietigheim (22:27). Fatos Kücükyildiz wurde als Most Valuable Player (MVP), also als beste Spielerin der Pokalendrunde ausgezeichnet.“ Das war nicht nur eine Auszeichnung für die Spielerin, sondern auch für ihren Verein. Bei dieser Gelegenheit darf man aber auch auf keinen Fall die stillen Helden der Saison vergessen, nämlich die Sponsoren der HL Buchholz 08-Rosengarten, die in schwieriger Zeit selbstlos diese Saison möglich gemacht haben. Stellvertretend für alle anderen Unterstützer des Vereins muss man hier den Hauptsponsor Martin Schrader nennen, der stets kurzfristig bei den neuen Herausforderungen finanziell in die Bresche gesprungen ist. Die Lizenz für die Saison in der 1. Bundesliga wurde von der HBF erteilt, umso wichtiger ist es, dass die Sponsoren weiter den HL Buchholz 08-Rosengarten die Treue halten, um in der Region erstklassigen Handball zu ermöglichen. Mehr als die gesteckten Saisonziele wurden erreicht. 

Bleibt noch der Ausblick auf die kommende Spielzeit 2021/22. Für den ausgeschiedenen Co-Trainer Matthias Steinkamp wird Heike Axmann das Trainer-Teams vervollständigen und an der Weiterentwicklung der von ihr in Buxtehude ausgebildeten Talente arbeiten. Melissa Luschnat beendet ihre Karriere und Lisa Borutta zieht es nach Göppingen. Die Mannschaft der Luchse bleibt aber für die neue Saison beisammen und wird versuchen die erworbenen Erfahrungen 2021/22 erfolgreich umzusetzen. Ziel kann es wieder nur sein die Klasse zu halten. Insgesamt sind die HL Buchholz 08-Rosengarten in ihrem Kader breit aufgestellt. Auf der Kreisposition agiert neben Evelyn Schulz der Neuzugang Finja Harms, die über sehr viel Potential verfügt und bei ihren zahlreichen Kurzeinsätzen drei Tore erzielt hat, eines davon im entscheidenden Relegationsspiel in Berlin. Auf Außen wird Antonia Pieszkalla neben Alexia Hauf ein tolles Duo bilden. Antonia kommt vom Buxtehuder SV und steht neben Maj Nielsen im Aufgebot der A-Jugend Nationalmannschaft. Julia Herbst und Maj Nielsen haben ihre Klasse in vielen Bundesligaspielen bereits bewiesen, brauchen nur noch ein wenig mehr Konstanz. Es ist auch zu hoffen, dass Marte Nicolai wieder in das Training einsteigen kann. Im Rückraum werden wieder die bewährten Kräfte Kim Bernd, Fatos Kücükyildiz, Jessica Inacio, Sarah Lamp und Marleen Kadenbach agieren. In der kommenden Saison kann man durchaus davon ausgehen, dass Louise Cronstedt mit ihrer Wurfgewalt sich endgültig in der 1. Bundesliga etabliert und Natalie Axmann sich zu mehr als einer Abwehrspezialistin entwickeln wird. Die sehr vielseitige Antonia Pieszkalla kann je nach Spiellage bei ihren 1-gegen-1-Qualitäten auch den Rückraum entlasten. Es ist zu hoffen, dass Mareike Vogel nach ihrem Kreuzbandriss der Mannschaft bald wieder zur Verfügung steht und Zoe Ludwig zum Saisonstart ihre Verletzung auskuriert hat. Zum Abschluss kann man der gesamten Handball-Familie nur noch eine tolle Saison 2021/22 mit vielen Zuschauern wünschen.